von Chris Fuchs

Es scheint keine Woche zu vergehen, in der nicht in irgendeiner Zeitung Schlagzeilen zu Flüchtlingscamps und deren gewaltsamen Räumungen, zu Protestmärschen, zu Flüchtlingen, die in überfüllten Booten ertrinken oder an den „Sicherheitszäunen“ von Ceuta und Melilla aufspießt werden, zu finden sind. Das Ganze erscheint uns mittlerweile so wiederkehrend, so alltäglich, ja man möchte beinahe sagen redundant, dass unser Entsetzen, unser Schockiert-sein und vor allem unsere Empathie allerhöchsten kurz medial aufflackert, wir dann aber gleich wieder irgendwo zwischen Resignation und Gleichgültigkeit gefangen zum Alltagsvergnügen übergehen. Immer wieder wiederkehrend ist leider auch reflexhafter Rechtspopulismus, „Das Boot ist voll“-Parolen (und wahrlich: wer sich einmal Fotos von Flüchtlingsbooten zu Gemüte geführt hat, wird feststellen, dass „voll“ angesichts der Überladenheit dieser Nussschalen noch recht euphemistisch ist) als nettes Wahlkampfthema, das in der breiteren Bevölkerung durchaus immer wieder Anklang und Widerhall findet.

Kein Mensch verlässt gerne und aus freien Stücken seine Heimat, seinen Freundes- und Bekanntenkreis, seine Familie, seine Kinder, seine Eltern, um sich eingepfercht in deutschen Asylheimen wiederzufinden. Menschen fliehen, weil sie in ihrer Heimat Krieg und Terror ausgesetzt sind. Weil sie um ihr Leben fürchten müssen, wenn sie ihre Meinung äußern. Weil die Bevölkerung ganzer Landstriche durch Seuchen und Epidemien dezimiert wird. Oder weil sie Tag um Tag aufgrund desolater Wirtschaftsverhältnisse oder klimabedingter Nahrungsmittelknappheit um‘s Überleben kämpfen müssen. Weil sie in ihrer Heimat keinerlei Zukunftsperspektive für sich und ihre Familie sehen. Sie verlassen ihre Heimat, weil sie etwas suchen, was für uns in Europa größtenteils eine Selbstverständlichkeit ist: Frieden, der Zugang zu sauberem Trinkwasser, Rechtssicherheit, ein staatlich abgesichertes Existenzminimum, freier Zugang zu Bildung…

Aber stattdessen finden viele auf ihrem Weg nach Europa etwas anderes vor: heillos überfüllte Flüchtlingsboote und Aufnahmelager, meterhohe „Sicherheitszäune“ an den Grenzen der Festung Europa, eine Grenzschutzagentur namens FRONTEX, die durch Migration physisch und psychisch aufgezerrte Flüchtlinge wieder zurück in ihre prekären Ausgangsverhältnisse abschiebt, Neonazis, die Asylheime anzünden, eine „Partei der Mitte“, die mit Slogans wie „Wer betrügt, der fliegt“ auf Stimmfang geht und so weiter.

Das alles geht auch uns etwas an. Zum einen deshalb, weil ein Teil dieser Probleme durch die Politik westlicher Staaten bedingt und vorangetrieben wird. Zum anderen aber, weil es doch menschliche Pflicht sein muss, Notleidenden zu helfen und ihre Situation zu verbessern. Es geht dabei nicht nur darum, strukturelle Probleme der Herkunftsländer von Migrant_innen zu lösen1 und von inhumaner Asylpolitik Abstand zu nehmen, sondern auch um eine Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen und Asylbewerber_innen. Solch eine Kultur erreichen wir aber nur, wenn wir endlich Abstand nehmen von Residenzpflicht, Essenspaketen und Sammelunterkünften. Zudem liegt es an jeder_m von uns, unser eigenes Verhalten in Hinblick auf Alltagsrassismus wachsam und kritisch zu reflektieren.

Wir müssen aufhören, Flüchtlinge wie Menschen zweiter Klasse zu behandeln und stattdessen für humane Lebensbedingungen für alle Menschen eintreten. Kein Mensch ist illegal.

 

Foto: Noborder Network

 


1 Was man übrigens sicherlich nicht dadurch erreicht, indem man Staaten mit eklatanten Menschenrechtsverletzungen – wie jüngst geschehen – einfach als „sichere Herkunftsländer“ deklariert.